„Der Roman ‚Zu spät ist auch ein Ort‘ spielt zwischen Erinnerung und Gegenwart, zwischen Norddeutschland und innerer Landschaft. Wie ist die Idee zu dieser Geschichte entstanden – gab es einen bestimmten Auslösemoment?“
Die Idee ist aus einer Reihe von persönlichen Beobachtungen heraus entstanden – keine Erfahrungen, die ich persönlich gemacht habe, aber solche, die ich im engeren Umfeld beobachten konnte. Es gab unterschiedliche Auslöser – aber das Ergebnis war immer das selbe: ein Hadern mit der Vergangenheit, ein Zweifeln an der Zukunft. Die Auslöser waren zumeist persönlicher Natur – Gesundheit, Partnerschaft, das letzte Drittels des Arbeitslebens. Ich würde es als „Konfrontation mit der Endlichkeit des eigenen Seins“ beschreiben. Und natürlich macht das etwas mit den Menschen. Und das habe ich versucht, einzufangen – und mit einer positiven Antwort zu verknüpfen.
Was das Setting angeht: das es am Ende Norddeutschland geworden ist, war eher Zufall. Und hatte damit zu tun, dass ich die Chance hatte, die Gegend selbst zu erleben – diese „geerdete Landschaft“ erschien mir eine ausgezeichnete Bühne für diesen Roman.
„Die Hauptfigur Hendrik trägt viel emotionales und biografisches Gepäck. Was macht Figuren spannend, die sich auf einer Art ‚innerer Reise‘ befinden?“
Hendrik hat sicherlich sein Päckchen zu tragen – und ich habe ihm, stellvertretend für uns alle, eine emotional wie persönlich sehr belastete Vita gegeben. Er soll ja schließlich auch was zu tun haben! Allerdings ist nichts davon out of this world: Verlust von Familie, das Treiben durch die Welt ohne feste Wurzeln, Stress und Burn-Out, das kennen wir alle. Und viele von uns haben in diesem Alter auch erste Erfahrungen mit dem Tod gemacht. In der Familie. Im Freundeskreis. Das Leben hat seinen Preis.
Was also macht einen solchen Protagonisten spannen? Wahrscheinlich genau das – wir können uns alle in ihm wiederfinden. Oder in Maren. Wir mögen nicht die gleiche Biografie haben, aber wir können die Verbindung herstellen. Und keiner der Protagonisten hat eine Zauberformel – sie stehen genauso ratlos vor der Situation wie wir.
„Das Setting in Stade und im Alten Land wirkt atmosphärisch dicht und sehr bewusst gewählt. Welche Rolle spielt der Ort – und inwiefern spiegelt die Landschaft den seelischen Zustand der Figuren wider?“
Wie gesagt: das Setting ist teilweise dem Zufall geschuldet. Dann aber auch wieder nicht. Es passt: das Bodenständige des Alten Landes, die Gemütlichkeit von Stade. Ja, wir sprechen über einen Roman, der trotz aller Herausforderungen an seine Protagonisten bewusst einen sehr positiven Unterton hat. Die Konflikte untereinander sind zwar vorhanden, aber beherrschbar. Das Setting stellt keine unüberbrückbaren Hürden auf. Und das mit Absicht.
Ziel ist ja nicht, einen Leser zu deprimieren oder zu belehren – sondern zu zeigen: Da kann auch etwas Positives dabei herauskommen. Vielleicht keine Lösung für einen selbst, aber ein klein wenig Wohlfühlen und Mitfreuen kann viel Licht in eine betrübliche Welt bringen. Also ja: das Alte Land vermittelt nicht nur Rauheit und Bodenständigkeit, sondern auch Gemütlichkeit und Wohlfühl-Oase.
„Der Erzählstil ist leise, aber bildhaft und fast filmisch. Entsteht das Visuelle schon beim Schreiben, oder entwickelt es sich erst im Nachhinein?“
Das Visuelle entsteht bei mir schon beim Plotten einer Szene. Der Roman besteht aus zwölf Kapiteln, aber jedes eigene hat zwischen vier bis zehn Szenen im Hintergrund. Und jede einzelne habe ich mir grob aufgebaut. Und dann habe ich sie vor meinem inneren Auge vorgestellt. Der Text fließt dann fast von alleine, erst einmal in Rohform. Aber das ist OK, das Ziel ist es, zunächst die Seele der Szene einzufangen. Und je nach Szene kann das auch emotional werden.
Die Bilder entstehen dabei fast zwangsläufig im Kopf – die Landschaft, Gebäude, Personen. Ich bin ein visuell denkender Mensch. Und wenn ich die Szene sehe, dann kann ich Gefühle beschreiben. Nicht die Szene selbst erklären, sondern versuchen, die Emotion zu transportieren. Der Rest ist dann Feinschliff: Korrektur, Konsistenzprüfung, Anpassung. Aber meistens steht das Herz der Szene nach der Rohfassung.
Dabei spielt mein Arbeitsumfeld eine große Rolle – Licht, Stimmung, Musik. Und ja, es gab Szenen, die mich selbst emotional gefordert haben. Aber ich wusste ja, worauf ich mich einlasse. Und so darf Hendriks Schmerz auch mal mein Schmerz werden – umso besser kann ich ihn dann zu Papier bringen.
„Verlust, Schuld und Versöhnung sind zentrale Themen des Romans. Wie lässt sich über Trauer schreiben, ohne ins Sentimentale oder Melodramatische zu geraten?“
Eigentlich relativ einfach – solange man sich in die Protagonistin oder den Protagonisten hineinversetzen kann. Die meisten Autoren haben bereits den einen oder anderen Verlust persönlich erlebt. In der Familie, im Freundeskreis. Wer ehrlich zu sich ist, der wird sich selbst eingestehen können, wie er oder sie damit umgegangen ist. Und auch, wo man aus heutiger Sicht vielleicht anders damit hätte umgehen sollen.
Wenn des dem Autor gelingt, das auf die Romanfigur zu projizieren, dann kann er auch über solche Themen schreiben. Nur, wer nie selbst einen Verlust erlitten hat oder ihn bagatellisiert hat oder ihn nicht als Teil des Lebens akzeptieren kann, der wird Probleme bekommen. Aber wenn wir ehrlich sind: diese Person hat zunächst einmal selbst etwas aufzuarbeiten. Und sollte das Thema in einem Roman besser erst einmal nicht ernsthaft angehen. Es ist wie mit Liebe, Versöhnung, Vergebung – all den anderen großen Gefühlen. Wer es nie selbst erlebt und durchlitten hat, kann nur schwer darüber schreiben.
„Die Figuren – Hendrik, Maren, Ben, Thies – wirken nah am echten Leben. Wie entsteht diese Authentizität – durch Beobachtung, Erinnerung oder bewusste Verdichtung?“
Durch Empathie. Auch hier gilt: der eine oder andere Schreibende wird ähnliche Situationen bereits selbst durchlebt haben. Von den einfachen Alltäglichkeiten eines Einkaufs im Supermarkt hin zu den komplexeren Themen wie Streit, Verdrängung, Tod. Und was ich selbst erlebt habe, kann ich beschreiben – kann ich empathisch vermitteln.
Für mich ist hierbei die „Flugebene“ wichtig – ich kann Themen aus 10.000 Meter Höhe betrachten. Dann sieht man das große Ganze. Oder ich kann runtergehen, auf 1.000 Meter. Hier werden die Details viel deutlicher, die Szene wird plastischer und lebendiger. Aber eben auch länger. Als Leser muss man sich darauf einlassen. Man wird früher oder später den Stil des Autors oder der Autorin verstehen – und dann muss man entscheiden, ob man diese Art der Erzählung mag oder nicht.
Nehmen wir ein Beispiel – etwas Banales. Ich kann einen Besuch beim Supermarkt damit beginnen, dass die Protagonistin den Eingangsbereich passiert, einkauft und dann zahlt und geht. Oder ich kann sie in der kleinen Bäckerei im Eingangsbereich Appetit verspüren lassen, kann sie sich hinter einer anderen Kundin einreihen lassen. Sie betrachtet die Warenauslage, nimmt die Wespen wahr, die im Sommer dort unweigerlich anzutreffen sind. Überlegt, ob es lieber das belegte Brötchen oder die Puddingschnecke sein soll. Durchstöbert nach dem Genuss des süßen Teilchens die Gänge des Supermarkts – die Gemüseabteilung, die Gewürze (die sie natürlich auch riecht) und bleibt vielleicht vor der erschlagend großen Auswahl von Nudeln stehen… an der Kasse steht vor ihr ein quengelndes Kind, während eine ältere Dame ihr Kleingeld zusammensucht… und schwupps hast Du Leben in der Szene. Show, don’t tell! – aber auf die Gefahr hin, den Text in die Länge zu ziehen…
„Der Titel ‚Zu spät ist auch ein Ort‘ klingt poetisch und schmerzhaft zugleich. Was steckt hinter dieser Formulierung – ist ‚zu spät‘ eher ein Ort oder ein Zustand?“
Es ist das, was die Leserin oder der Leser damit verbindet. Es kann ein „zu spät an einen Ort zurückkehren“ sein, ein „zu spät zu einer Reise aufbrechen“ oder auch ein „zu spät für ein Gefühl“.
Ohne zu viel zu verraten: Hendrik ist in vieler Hinsicht immer wieder „zu spät“. Er kommt zu spät ins Alte Land. Er ist zu spät mit dem Verarbeiten seiner Erlebnisse. Er ist zu spät – Punkt. Aber das eigentliche Thema ist nicht das Versäumnis, sondern die Akzeptanz. Denn früher oder später ist jeder von uns mit irgendetwas „zu spät“.
Ich könnte aus meiner eigenen Biografie viele Beispiele nennen: zu spät, um den Kontakt mit einer alten Freundin wieder aufzunehmen, weil er irgendwann eingeschlafen ist; zu spät, um mit meinem Großvater über Dinge zu sprechen, die uns heute vielleicht verbinden würden – weil er nicht mehr lebt; zu spät, um etwas zu tun, das man heute gerne getan hätte – weil der Zug einfach abgefahren ist.
Am Ende geht es um die Einsicht, dass man die Vergangenheit nicht ändern kann. Hendrik muss lernen, die Folgen seines Nicht-Handelns zu akzeptieren. Darunter zu leiden wäre die schlechteste Option. Daraus zu lernen die wahrscheinlich beste.
„Trotz der Melancholie geht es im Roman immer auch um Aufbruch und Ankommen. Lässt sich die Geschichte letztlich als ein Buch über Hoffnung lesen?“
Auch hier gilt: jede Leserin und jeder Leser muss selbst entscheiden, was sie oder er aus der Geschichte mitnehmen möchte. „Hoffnung“ ist vielleicht nicht das, was ich als Gefühl vermitteln möchte – es suggeriert für mich zu sehr „etwas wird passieren, damit es besser wird“. Aber auf jeden Fall kann man die Story so lesen: „egal, was in der Vergangenheit passiert ist – die Zukunft ist noch nicht geschrieben“. Wir leben nicht in einer deterministischen Welt – und das bedeutet: jede und jeder kann aus einer Situation etwas machen, im Rahmen der eigenen Möglichkeiten natürlich, aber man ist eben kein Spielball des Schicksals.
Aber nochmals: der Autor sollte sich hüten, absolute Schlussfolgerungen, Lebensweisheiten oder Regeln zu formulieren. Aber eine Geschichte kann dazu anregen, selbst darüber nachzudenken. Und so ist es die Entscheidung jeder einzelnen Leserin, jedes einzelnen Lesers, mit welchem Blickwinkel sie oder er das Buch liest.
„Der Stil ist ruhig, reflektiert und klar – nie laut, aber sehr präsent. Gibt es literarische Einflüsse oder Vorbilder, die diese Erzählhaltung geprägt haben?“
Es ist nun mal „ein leiser Roman“. Es gibt schon Einflüsse – selbstverständlich. Das kommt natürlich auch davon, was man selber gerne liest. Kein Autor wird Bücher lesen, deren Stil sich komplett von seinem eigenen unterscheiden wird. Ich will keine einzelnen Autoren hervorheben – aber als Beispiel kann man meine Vorliebe für den detaillierten Erzählstil nennen.
Auch inhaltlich gibt es hier natürlich den ein oder anderen Roman, der geprägt hat. Wieder: ich werde kein bestimmtes Werk in den Vordergrund stellen, aber wir reden nicht von „Copy what others wrote“ – aber Inspiration ist nun einmal etwas, dem wir uns nicht entziehen können. Und auch nicht sollten. Und so kann aus Stil und Inspiration als Beigabe zu eigenen Ideen etwas vollkommen Neues entstehen.
„Am Ende des Romans, wenn die Leser:innen das Buch schließen – welches Gefühl oder welchen Gedanken sollen sie ideally mitnehmen?“
Was sie mitnehmen, bestimmen die Leserinnen und Leser selbst. Und ich möchte auch niemanden bevormunden hinsichtlich dessen, was sie „ideally mitnehmen“ sollten. Hätte ich einen Wunsch frei, dann wäre es vielleicht folgendes: „Verschwende Deine Energie nicht darauf, mit Deiner Situation zu hadern – schau nach vorne und pack den Stier bei den Hörnern… das Ergebnis ist offen, aber wenn Du es nicht einmal versuchst… was soll sich dann ändern?“
„Der Roman verbindet persönliche Schicksale mit gesellschaftlichen Fragen – etwa dem Umgang mit Verantwortung, Schuld und Verdrängung. In welchem Verhältnis stehen individuelle und kollektive Erinnerung in dieser Geschichte?“
Es geht primär um die persönliche Ebene – denn das ist die Ebene, die jede und jeder für sich selbst angehen kann. Und ja, der Roman berührt auch ein Thema von „kollektiver Verantwortung“ an, aber er vertieft es nicht. Es steht dem Leser selbstverständlich frei, dies als Einladung zu verstehen und sich diesem Thema separat zu nähern. Aber man muss als Autor schon darauf achten, keine allgemeingültigen Regeln aufstellen zu wollen, die man aus der eigenen Sicht dem Kollektiv aufdrängen möchte.
„Schreiben ist oft auch eine Form von Selbstbeobachtung. Welche Erkenntnisse oder Veränderungen hat das Schreiben dieses Romans bei seinem Autor selbst ausgelöst?“
Eigentlich keine wesentlichen – er ist eher das Ergebnis von Erkenntnissen und Veränderungen, die ich mir in den letzten zehn, fünfzehn Jahren erarbeitet habe. Teilweise „auf die harte Tour“. Und so kann man vielleicht sagen, er ist ein Resümee dieses Prozesses, der Abschlussbericht. Und das ist auch gut so – denn es bedeutet, dass ich vieles von dem, was ich meinen Protagonisten mit auf den Weg gegeben habe, selbst für mich erforschen musste. Der Autor kann also sagen: er weiß, was er den Charakteren zumutet.